Skip to main content
Moin, Jonas hier!
Ähnlich wie mir geht es momentan wahrscheinlich vielen von euch. Seit sehr langer Zeit haben wir nun keine Wettkämpfe mehr bestreiten können. Gerade die großen Events wie der Hermannslauf oder ein Marathon, bei dem ihr immer schonmal am Start sein wolltet, fehlen uns. Nun wurde leider auch eines meiner Highlights, der Zugspitz Ultra Trail, abgesagt. Für diesen einzigartigen Lauf hatte ich mir eine gute Platzierung vorgenommen, der Absage trauere ich also schon hinterher! Dennoch habe ich die Eindrücke meines Lieblingslaufs für euch in dem folgenden Erlebnis- und Erfahrungsbericht kompakt dargestellt.
Als gebürtiger Münsterländer war es mehr oder weniger eine Schnapsidee, einfach so einen sportlichen Ausflug in die Alpen zu unternehmen. Die Idee kam uns bei einer Art Wette. Mit einem guten Freund traf ich eine Abmachung. Gegenstand dieser war: Wenn er sich ein Rennrad kauft (ihr müsst wissen: Davon versuche ich viele Personen zu überreden!), werde ich ebenfalls am besagten Lauf teilnehmen. Worum es sich dabei genau handelt, davon hatte ich keinen blassen Schimmer! Nun stand ich vor der Wahl, die 25, 40, 64, 83 oder 103 km in Angriff zu nehmen. Da ich mich selbst sehr gut einschätzen kann, fiel die Wahl auf die 40 km mit 1900 Höhenmetern. Soweit alles ganz nette Zahlen, dachte ich. Später erfuhr ich, dass der ZUT der größte Trailrun Deutschlands und einer der härtesten Trailruns in Europa sein sollte. Vorweg sollte zum Training eines gesagt sein: Wir waren zusammen sporadisch im Sauerland, zudem konnte ich ein paar Höhenmeter bei Läufen auf der Halde Ahlen und im Bielefelder Teuto sammeln, das waren pro Einheit aber nie mehr als 700 Höhenmeter. Was ich damit sagen möchte: Die Anstiege in den Alpen lassen sich nirgendswo anders richtig trainieren. Falls ihr es könnt, macht ein Trainingslager dort.
Angereist sind wir schließlich mit einer größeren Gruppe, aus der auch einige die 83 km „gerockt“ haben. Ich war mit der Gruppe um Christoph, Marc, Christian, Patrick, Dennis und Martin nach Grainau gereist. Dort angekommen erschlug mich erst einmal das Alpenpanorama, logisch. Am Tag vor dem Lauf gab es eine Pizza als Henkersmahlzeit. Typischerweise mussten wir am Wettkampftag bereits um 5 Uhr aus den Federn, das Equipment lag schon am Vorabend bereit. Dazu zählt auch ein Trailrucksack, in dem man die Verpflegung und das Wasser in speziellen, flexiblen Trinkfalschen, den sogenannten Soft Flasks, oder einer Trinkblase aufbewahrt. Da der Startschuss für die 40 Kilometer schon um 8 Uhr in Mittenwald erfolgen sollte, wurden Jens, Martin und ich um 7 Uhr mit dem Bus dort hingebracht. Die anderen Distanzen starten dementsprechend in weiter oder näher am Zielort gelegenen Orten. Ich persönlich empfand die Stimmung in diesem Bus als sehr fokussiert, man merkte jetzt das erste Mal, das wir auf keinem Kindergeburtstag sind. Angekommen am Startort, erkannte ich sofort Laura Dahlmeier, während Martin den obligatorischen Toilettengang absolvierte. Wir machten uns auf den Weg zum Check-In, wo die Rucksäcke auf Vollständigkeit kontrolliert wurden. Verpflichtend sind ein Rettungsset, eine wasserdichte Jacke, eine Notfall-Pfeiffe sowie Kartenmaterial in analoger oder digitaler Form. Auch hier bemerkte man den Unterschied zu normalen Läufen eindrücklich. Wir wünschten uns gegenseitig viel Erfolg, wir würden uns schließlich lange nicht sehen. Als der Startschuss ertönte, lief ich relativ flott los, denn der erste Kilometer war flach wie bei uns. Schon der zweite Kilometer hatte es aber in sich; hier mussten wir gefühlte 200 Treppenstufen aufwärts steigen, bevor es wieder flach wurde. So früh am Morgen schon einen 180er-Puls! Verdammt! Die ersten Kilometer bis zum ersten Verpflegungspunkt am Ferchensee (VP8) blieben wellig. Dort nahm ich keine Nahrung zu mir, meine Trinkflaschen und Riegel blieben unangetastet. Die ersten 5 bis 6 Kilometer waren geschafft. Bis zur zweiten Verpflegungsstation, der Partnachalm, habe ich noch nicht einmal von meinem Proviant Gebrauch gemacht. Im Rückblick war dies ein Fehler. Irgendwann zwischen Kilometer 20 und 21 überholte mich Laura Dahlmeier von hinten. Was ich zu diesem Zeitpunkt absolut beeindruckend fand war, wie man mit solchen muskulösen Oberschenkeln so stark am Berg sein konnte. Jedoch packte sie kurz darauf ihre Trekkingstöcke aus, eine Geheimwaffe wie sich heraus stellen können! Denn wenn man eine passable Technik im Umgang mit diesen besitzt, kann man bergauf sehr viel Energie für ein ökonomisches Vorankommen sparen. Völlig beeindruckt vom Biathlonstar stellte ich vom Laufen auf Gehen um. Das kam mir im ersten Moment wie eine persönliche Niederlage vor. Jedoch müsst ihr wissen: Schnelles Gehen ist bergauf extrem anstrengend, schnell kann man einen Puls von 160 bpm erreichen! Bereits sehr angestrengt kam ich dann durch ein Jurassic Park-ähnliches Waldstück schnurstracks auf eine unfassbare Wand zu. Stellt euch vor: Innerhalb von 1,4 Kilometern geht es von 1300 m auf 1600 m über NN. Und das Brutale: Die Höhenmeter schlängeln sich in Serpentinen den Berg entlang. Gefühlt in der Mitte setzte ich mich auf einen Stein zu einer Frau. Ich aß meinen Riegel und kam mit ihr in ein Gespräch über Hunde. Viele Leute mit Stöcken zogen an mir vorbei. Ich realisierte, dass dies ein Anfängerfehler meinerseits gewesen war. Zu glauben, dass man ohne diese Hilfen in dem Gelände klarkommt, weil man fit ist, war ein Trugschluss. Ebenso waren die Kuhglocken, die die Zuschauer oben läuteten, gefühlt zum Greifen nah. Der Anstieg dauerte trotzdem eine gefühlte Ewigkeit.
Während der körperlichen Strapaze gab es aber auch eine große Entschädigung: Die unfassbar schöne Natur! Hier wurde mir mal wieder klar, warum ich die Frage „Berge oder Meer?“ immer mit Möglichkeit 1 beantworten würde: Die Partnachklamm wirkt surreal und spuckt förmlich kristallklares Wasser. Das Segment „Partnachklamm Climb“ wird dieser Schönheit eher nicht gerecht, auf den 560 Metern geht es satte 105 m in die Höhe, das entspricht einer Steigung von 19 %!
Jetzt ging es in Richtung des höchsten Punktes der Strecke, dem Osterfelderkopf, der zum Zugspitz-Massiv gehört und auf 2000 m Höhe liegt. Von Kilometer 25 zu 30 muss man sage und schreibe 500 Höhenmeter überwinden. Aber erstmal war ich an VP 9 angekommen, (Verpflegungspunkt) den ich so lange herbeigesehnt hatte. Ich war komplett leer. Grundsätzlich sollte man sich bei der Verpflegung keinen unnötigen Stress machen, die Zeit, die ihr euch zu wenig verpflegt, wird sich im weiteren Verlauf umso deutlicher bemerkbar machen. Also begann ich meinen Blutzuckerspiegel zu pushen, und zwar mit Riegeln und Wassermelonen. Ich meine, dass ich dort auch Gebäckteile verputzt habe. Und das Ganze habe ich mit drei Bechern Cola heruntergespült. Meine Trinkbehälter habe ich mit Cola und Apfelschorle aufgefüllt. Die ersten Schritte nach der Verpflegung waren sehr unangenehm, die übermäßig zugeführte Cola machte sich im Magen bemerkbar.
Bergab laufen: Das hört sich einfacher an, als es dort ist! Der Jägertrail ist der mit Abstand brutalste Downhill, den man sich als Läufer nur vorstellen kann. Vorhin ging es in Serpentinen bergauf, jetzt geht es in gleicher Form bergab. Hier merkte ich förmlich, wie die Muskeln auseinandergerissen wurden. Neben der enormen Beanspruchung der Oberschenkel spielt die Konzentration eine wichtige Rolle. Ich war nicht der Einzige, der sich dort ablegte. Zuschauer fragten mich, ob alles in Ordnung sei. Das Adrenalin gab mir die Antwort. Die letzten Kilometer abwärts waren Masochismus pur! Um es in Zahlen auszudrücken: Das Strava-Segment des Jägerpfads bildet nur einen Teil dieses ab, es geht über 2,15 km 421 m bzw. 20 % steil bergab. Der gesamte Abstieg vom letzten Verpflegungspunkt bis ins Ziel hat ein durchschnittliches Gefälle von 15 % auf 5,6 Kilometern!
Dann hat man es fast geschafft, die letzten 2,3 flachen Kilometer nach Grainau ziehen sich leider wie ein Kaugummi. Der Zieleinlauf erfolgt unter lauter Musik und guter Stimmung bei den Zuschauern. Angekommen, lehnte ich mich vor lauter Erschöpfung erst einmal über ein Gitter. Erstmal klarkommen. 4:44 h für knapp 40 Kilometer. Klingt nicht gerade gut. Aber immerhin bedeutet das Platz 22 bei den Männern und Platz 25 Overall. Damit kann ich ohne spezifisches Training und als Greenhorn zufrieden sein! Mein erster Weg führt zum Verpflegungsstand, ich suche nach Bananen, Riegel und Cola. Eines kann ich euch sagen: Obwohl ich körperlich ausgelaugt war, habe ich mich noch nie so glücklich nach einem Lauf gefühlt! Dieser Endorphin-Cocktail besteht für mich aus der traumhaften Landschaft, der Herausforderung und der Beschäftigung mit sich selbst. Ich lerne zu akzeptieren, dass jeder Finisher dieses Laufes sehr fit ist! Dieser Kick bleibt mir noch lange in Erinnerung! Nach dem Lauf schaust du auf das Zugspitzmassiv und sagst dir: „Da oben war ich gerade!“ Und darauf kann man wirklich stolz sein, denn man hat seinem Körper und Geist bis ins Ziel sehr viel abverlangt. Und genau dies macht meiner Meinung nach die Community der Trail- und Ultrarunner aus; sie suchen nach einzigartigen und wirklich nachhaltig wirkenden Erinnerungen, die der Körper abspeichert. Gleichzeitig bereichern sie den Körper und Geist so, weil in jedem Moment tausende von Reizen in Form der schönen Landschaften oder aber von Schmerz gesendet werden. Dagegen sind alle anderen, von mir bestrittenen Läufe wirklich nichts!
Kommen wir nun zum Ende. Nicht ideal war die Rückreise. Auf dieser machten wir nur eine kleine Pause. Meine Oberschenkel litten darunter, noch 5 Tage später merkte ich Verspannungen und Risse in der Muskulatur deutlich. Doch es steht fest: So etwas mache ich regelmäßig!
Meine Bewertung des Laufs: Definitiv fünf von fünf Sternen! Die Orga, die Stimmung, das Erlebnis! Das war der Hammer! Ich kann diesen Lauf nur wärmstens empfehlen, egal, ob ihr 25, 40 oder sogar 63 Kilometer laufen wollt. Letzteren empfehle ich aber eher denjenigen, die schon 10 Marathons absolviert haben und 50-60 Kilometer in der Woche laufen. Für jeden wird eine Strecke dabei sein, die anspruchsvoll und gleichzeitig wunderschön ist! Falls ihr wie ich die 40 Kilometer in Angriff nehmen wollt, empfehle ich euch, die ersten 2 Stunden wirklich im grünen Bereich zu laufen und sich spätestens ab Kilometer 10 schon gut zu versorgen. Für das Training außerhalb der Alpen empfehle ich, einmal pro Woche wellige Dauerläufe von 30 bis 40 km einzubauen, um die Länge des Rennes zu simulieren. Ich hoffte bis zuletzt, dass der ZUT 2021 stattfinden würde. Das Feld entzerrt sich sehr schnell, sodass man keine Berührungspunkte mit den anderen Teilnehmern hat. Jedoch kam Mitte April die ernüchternde Absage per Mail. Schade, denn ich hatte mir eine Top Ten-Platzierung als Ziel gesetzt!
Um zum Ende zu kommen, spreche ich eine dicke Empfehlung für den Wettkampf aus. Falls ihr gern in der Natur seid und eine neue Herausforderung sucht, seid dabei!
Bleibt sportlich und gesund!
Euer Jonas.